C L A R A - GEMEINSAM KLARER SEHEN

Erste Schritte nach der Trennung

Ob Du im Frauenhaus oder private Zuflucht gefunden hast, nach einer Trennung sind Ämtergänge nötig. Jene zu Beginn der Liste solltest Du sofort erledigen!

Trennung

Flucht mit Kindern

Bist Du mit Kindern geflüchtet, musst Du unverzüglich Aufenthaltsbestimmungsrecht beantragen. Das eilt! Du solltest schnellstmöglich (!) Termine beim Jugendamt vereinbaren und Anträge beim Familiengericht stellen. In diesem Antrag beschreibst Du die tatsächlichen Gefahren (z.B. Kinder erleben Misshandlung, werden selber misshandelt, der andere Elternteil droht, die Kinder zu entführen, ...) Darüber wird das gewaltätige Elternteil schriftlich benachrichtigt. Du kannst jedoch beantragen, dass es nicht sofort weitergeleitet wird. Zuständig ist die Rechtsantragstelle im Familiengericht, das für den Wohnort der Kinder zuständig ist. Die Rechtsantragstelle ist in der Regel vormittags geöffnet. Droht eine Entführung der Kinder, kannst Du auch eine TagesrichterIn verlangen - oder am Samstag den Richter-Notdienst, der dann sofort eine einstweilige Anordnung erlassen kann.

Diese Vorkehrungen sind jedoch nur notwendig, wenn die Kinder tatsächlich in Gefahr sind. Es muss wichtige Gründe geben, wenn Du den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil unterbrichst. Liegen die nicht vor, ist der Umgang zu pflegen. Das ist dann auch für die Kinder wichtig. Da im Zeitraum unmittelbar nach Trennung aufgrund von häuslicher Gewalt der Kontakt mit dem anderen Elternteil gefährlich ist, kannst Du die Übergabe zum Umgang über eine Vertrauensperson, das Jugendamt bzw. eine sozialpädagogische Familienhilfe gewährleisten. Es gibt auch die Möglichkeit den Umgang unter Aufsicht von Sozialpädagogen oder Mitarbeitern des Jugendamtes stattfinden zu lassen. Das zuständige Jugendamt kann Dich dazu beraten.

Dokumentation der Verletzungen

Ein Attest über Verletzungen oder eine Vergewaltigung ist ein wichtiger Beweis vor Gericht. Wichtig ist eine gerichtsfeste Dokumentation der Verletzungen, d.h. auch eine Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Verursachung und Verletzung. Vielleicht möchtest Du erst später darüber entscheiden, den Täter/die Täterin anzuzeigen, der Nachweis aber muss gleich nach der Tat erstellt werden. Im ärztlichen Krankenblatt vermerkte Verletzungen können auch im Nachhinein noch bescheinigt werden.

Ein Attest kann Deine Gynäkologin erstellen - bitte sie, die Beweise aufzuheben - oder ein Hausarzt. Sind die Verletzungen nicht sichtbar, sollten diese in der Notaufnahme im Krankenhaus untersuchen werden. Wichtig: Weise bei der Untersuchung auf jede noch so kleine Verletzung und Beeinträchtigungen hin.

Wir empfehlen Betroffenen, sich an eine Gewaltambulanz zu wenden. Sie ist für solche Fälle eingerichtet worden. Das dortige Personal hat Erfahrungen mit Verletzungen nach Gewalteinwirkung und geht damit sensibel sowie diskret um. Dort werden die Verletzungen fürs Gericht verwertbar erfasst. Mehr erfährst Du darüber unter der Rubrik Gewaltambulanzen.

Finanzen

Hast Du ein Konto, auf das der Täter Zugriff hat, sperre es sofort bzw. widerrufe die Bevollmächtigung. Eröffne ein eigenes Konto. Lass Dich rechtlich beraten, welche Summen an Unterhalt Dir von gemeinsamen Konten zustehen. Gemeinsame Sparbücher, Wertpapiere etc. sollten sichergestellt und deponiert werden. Fertige zumindest Kopien an, damit Du später nachweisen kannst, welche Werte vorhanden waren.

Du brauchst Geld, weil Du verletzt bist und zur Zeit nicht arbeiten gehen kannst:

  1. Stelle einen Antrag auf Unterhaltszahlungen an Partner/in durch eine Rechtsanwältin/einen Rechtsanwalt, die sich im Familienrecht auskennen. Sie/er kann Dich auch gleich über die weiteren rechtlichen Schritte einer Trennung/Scheidung unterrichten. Viele Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen bieten Rechtsberatung an oder vermitteln an erfahrene Rechtsberatungen.
  2. Stelle einen Antrag auf Arbeitslosengeld II beim zuständigen Jobcenter, wenn Du kein eigenes oder ein zu geringes Einkommen hast. Wende Dich im Monat des Auszuges an das Jobcenter. Du kannst ohne Termin innerhalb der Öffnungszeiten vorsprechen und erhältst eine ausführliche Beratung zur Antragstellung. In einigen Jobcentern gibt es SachbearbeiterInnen, die für Personen in Eurer Lebenslage zuständig sind. Fragt nach, ob Ihr bei denen einen Termin zur Antragsabgabe vereinbaren könnt. Das Jobcenter zahlt zwar nachrangig; d.h. es prüft, ob vor ihm nicht andere Stellen/Personen zur Zahlung verpflichtet sind. Es wird deshalb verlangt, dass Du erst eine Unterhaltsforderung an Deine/n Partnerin stellt. Schilderst Du jedoch Eure Lage, dann gibt es in der Regel aufgrund des besonders schwerwiegenden Härtefalls sofort (vorläufig) Geld. Oft sind Papiere ja noch in der Wohnung des Täters/der Täterin.

Bitte ggf. nach besonders schwerwiegenden Übergriffen um einen Termin außerhalb der Öffnungszeiten, damit Du dort nicht abgepasst werden kannst. Bitte darum, dass man Deinen Aufenthaltsort auch vor Verheirateten geheim hält.

Beziehst Du bereits Arbeitslosengeld II (Arbeitslosengeld/-hilfe), dann melde Deine neue Adresse und das neue Konto dem Jobcenter. Du musst den Umzug dann übrigens VORHER mit dem Jobcenter besprechen, damit es keine Probleme mit der Zahlung der Miet- und Heizkosten gibt. Die müssen nämlich VOR Umzug geprüft werden. Ist das nicht möglich und Du bekommst Probleme, dann schildere auf jeden Fall offen Deine Situation. Wenn ein besonders schwerer Härtefall vorliegt, kann das Jobcenter ggf. vorrübergehend (!) trotzdem erhöhte Miete bezahlen. Darauf besteht jedoch kein Rechtsanspruch.

Beantrage bei Leistungsbezug im zuständigen Amt eine sogenannte Schutzkennung. Dann werden Deine Daten besonders vor Einsicht durch Dritte geschützt.

Polizeiliche Anmeldung / Auskunftssperre

Bei der polizeilichen Anmeldung Deines neuen Wohnortes solltest Du unbedingt eine Auskunftssperre beantragen. Keine Privatperson - auch nicht der Ehepartner/in - wird dann erfahren, wo Du lebst. Dafür stellst Du einen formlosen Antrag, in dem Du die Gründe kurz darlegst.

Sachen aus der Wohnung

Benötigst Du persönliche Sachen - Dokumente, Spielsachen, Schulsachen, Kleidung - aus der gemeinsamen Wohnung? Bitte die Polizei um Begleitschutz. Das ist sicherer. Auch wenn die misshandelnde Person nicht in der Wohnung ist, sollten die Beamten bei Euch bleiben. Mach Dir vorher eine Liste, damit Du in der Aufregung nichts Wichtiges vergisst.

Du rufst dazu bei der zuständigen Polizeiwache an. Wenn Ihr diese Wache anruft, verlange den Lagedienst. Schildere Deine Gefährdung und bitte um Begleitung. Dann mach einen Termin aus. Du musst nachweisen, dass Du in der Wohnung polizeilich gemeldet bist. Beachte: Es ist eine Service-Leistung der Polizei, zu der sie rechtlich nicht verpflichtet ist

Kindergarten- / Schulwechsel

Bist Du geflüchtet, solltest Du überlegen, die Kinder in einer neuen Schule oder einem neuen Kindergarten anzumelden. Sonst könnte der Täter Dich dort abpassen oder sogar die Kinder entführen. Für die Ummeldung benötigst Du teilweise (je nach gesetzlicher Vorgabe) das Einverständnis des mitsorgeberechtigten Vaters, das Du aber durch eine familiengerichtliche Entscheidung ersetzen lassen kannst. Sage den Mitarbeiterinnen in Schule/Kindergarten, wer die Kinder abholen darf.

Sind die Kinder auch Opfer der häuslichen Gewalt Eures Partners, ist ggf.wichtig, sofort beim Familiengericht einen Antrag auf alleiniges Sorgerecht für die Kinder zu stellen, sonst hat der Vater das Recht, die Kinder abzuholen

Geld für Kinder

Kindergeld erhaltst Du für Kinder bis zum 18. Lebensjahr und während deren Berufsausbildung. Teile mit, dass die Kinder bei Dir leben. Gib Dein neues, eigenes Konto an, damit die misshandelnde Person keinen Zugriff auf das Geld hat. Es kann lange dauern, bis überwiesen wird. Die Zuständigkeit liegt bei der Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit. Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes bekommen es von ihrer Besoldungskasse. Formulare gibt es (auch) im zuständigen Jobcenter.

Erziehungsgeld/Elterngeld erhältst Du direkt nach der Geburt des Kindes bis zum 24. Lebensmonat. Es wird nur sechs Monate rückwirkend gezahlt. Du beantragst es beim Jugendamt.

Unterhaltsvorschuss Wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt bezahlt, erhältst Du nach Antragstellung Unterhaltsvorschuss für Kinder unter 12 Jahren beim Jugendamt Deines derzeitigen Wohnorts - bis maximal 72 Monate. Du kannst auch eine Beistandschaft für das Kind beantragen. Die MitarbeiterInnen vom Jugendamt werden Dich dazu ausführlich beraten.

Post

Du solltest Dir auf jeden Fall Dein persönliche Post an eine andere Adresse schicken lassen, z.B. an Freunde, Bekannte, das Frauenhaus. Oft vernichten misshandelnde Personen wichtige Zustellungen oder öffnen Briefe und erhalten somit wichtige Informationen, z.B. über Deinen Aufenthaltsort. Bei Polizei und für Gerichtsakten kann Deine Adresse zu Eurem Schutz in einem extra Umschlag beigefügt werden, damit der Anwalt der Gegenpartei sie nicht aus dem Schreiben z.B. bei einer Akteneinsicht erfährt. Nachsendeanträge erhältst Du bei jeder Zweigstelle der Post. Hierfür werden Gebühren erhoben.

Kredite, Schulden und Daueraufträge

Denk an Daueraufträge. Frage Dein Kreditinstitut, wie damit zu verfahren ist. Versuche, aus gemeinsamen Krediten herauszukommen. Sprich mit der Bank über die Situation. Mache einen Termin bei der Schuldnerberatung. Die Kontaktdaten kannst Du vom Jobcenter erhalten.

Wohnungsuche

Wende Dich an das Wohnungsamt in Deiner Gemeinde und frage nach, welche Möglichkeiten es gibt, eine Wohnung zu beantragen und was Du dazu benötigst. Die Wohnung, die Du verlassen musstest, solltest Du kündigen um nicht für spätere Mietschulden zu haften. Dazu benötigst Du die Unterschrift der misshandelnden Person, wenn Ihr einen gemeinsamen Mietvertrag hattet. Wird Dir verweigert, Dich aus dem Vertrag zu entlassen, schildere dem Vermieter die Lage. Kannst Du keine Regelung mit ihm finden, musst Du sehr schnell eine Klage auf Zustimmung zur Kündigung gegen die misshandelnde Person einreichen.

Beim Wohnungsamt beantragst Du einen Wohnberechtigungsschein - WBS (Wohnberechtigungsschein). Die Kontaktdaten erfährst Du auch beim zuständigen Jobcenter. Der WBS gilt für die gesamte Bundesrepublik und berechtigt zum Beziehen einer Sozialwohnung. Dafür benötigst Du:

  • Auszug aus dem polizeilichen Melderegister
  • Gültigen Pass oder Personalausweis
  • Bescheinigung darüber, dass Du getrennt lebst - diese stellt eine Rechtsanwältin aus
  • Geburtsurkunden der Kinder
  • Einkommensnachweis, also Bescheinigung über Hilfe zum Lebensunterhalt, Arbeitslosengeld/Arbeitslosenhilfe, Lohn- und Gehaltsnachweise
  • Eventuell Mutterpass - (ab 15. Woche wird das noch nicht geborene Kind beim Wohnraumanspruch mitgezählt)

Unbedingt beachten!

Weiß der Misshandler, zu welchen Ämtern Du gehst, kannst Du Dich vor Übergriffen schützen: Vereinbare Termine möglichst außerhalb der regulären Sprechzeiten. Laß Dich von einer Vertrauensperson begleiten. Informiere die zuständigen MitarbeiterInnen dieser Ämter über eine mögliche Gefährdung. Laß die Polizei holen, wenn Du in den Ämtern bedroht oder dorthin verfolgt wirst.

Bitte darum, dass Deine aktuelle Adresse durch die Ämter nicht an Dritte gegeben wird (Adresse geheimhalten). Auch eine Postfachadresse (z.B. Frauenhaus) gilt als ladungsfähige Adresse und muss von den Ämtern akzeptiert werden.

Arbeitsplatz

Wenn Du Deine Arbeit behältst, bitte Vorgesetzte und Kolleginnen, dem Täter/der Täterin keine Auskünfte zu geben und Dich zu warnen, falls Dir aufgelauert wird.

Strafanzeige?

Polizei und Justiz haben die Aufgabe, eine Person vor gewalttätigen Partnern zu schützen. Aber das funktioniert nicht automatisch - Du selbst wirst eine ganze Menge dazu beitragen müssen. Deshalb wäge vorher ab, was dafür und dagegen spricht:

Dafür spricht:

Vielen Tätern macht erst die Anzeige klar,

  • dass sie Unrecht tun
  • sie Gewalttäter sind
  • ihnen Strafe droht
  • sie sich ändern müssen.
  • Eine Anzeige kann den Misshandler motivieren, eine Anti-Gewalt-Beratungsstelle aufzusuchen. Eine solche Beratungsstelle für TäterInnen aus Karlsruhe/Landkreis Karslruhe findest Du hier.
  • Eine Strafanzeige liefert wichtige Gründe, um das Familiengericht von Deinem zivilrechtlichen Anliegen zu überzeugen.

Dagegen spricht:

Du könntest bedroht werden, damit Du nicht aussagst.

Meist steht Aussage gegen Aussage. Wenn kein eindeutiges Beweismaterial gegen den Täter/die Täterin vorliegt, wird das Verfahren eingestellt!

Und nun?

Versuche als Erstes, zur Ruhe zu kommen. Finde einen neuen Rhytmus. Oftmals ist in der Anfangsphase die Euphorie nach der befreienden Trennung so groß, dass Du die Kraft dafür hast. Wir empfehlen, dass Du Dir eine Routine angewöhnst, sobald Du in Sicherheit bist. Ein geregelter Tagesablauf hilft bei der Stabilisierung. Versuche Dir stets Zeit zu nehmen, Dir etwas Gutes zu tun.

Hast Du Schwierigkeiten, wie Flashbacks, Schlafstörungen, ständige Reizbarkeit, depressive Phasen und Misstrauen gegen Jedermann in Deinem Umfeld, dann empfehlen wir eine Traumatherapie. Du kannst auf unserer Seite über die Auswirkungen von Gewalt auf Deine Gesundheit erfahren und über Möglichkeiten zur Heilung lesen. Das Trauma wird Dich in den meisten Fällen nicht ewig verfolgen. Du kannst auch gern über unsere Selbsthilfegruppe Kontakt mit anderen Betroffenen aufnehmen und Dich mit ihnen darüber austauschen, wie es weitergehen kann.

 

vgl: https://www.gewaltschutz.info

"Die ganze Vielfältigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit unseres Lebens
setzen sich aus LICHT und SCHATTEN zusammen."
(Tolstoi)