C L A R A - GEMEINSAM KLARER SEHEN

Warum trennst Du Dich nicht einfach?

Oft bleiben Menschen in Beziehungen, in denen sie Gewalt erleben. Dafür gibt es Gründe.

Es wird immer wieder die Frage gestellt, warum von häuslicher Gewalt Betroffene die Beziehung nicht beenden. Die Psychologin Leonore E. Walker entwickelte die Zyklustheorie der Gewalt. Demnach versuchen Opfer häuslicher Gewalt, Spannungssituationen zu bagatellisieren, und bemühen sich, den Partner/die Partnerin zu besänftigen (Fürsorglichkeit, Nachgiebigkeit, Rückzug). Während der folgenden offenen Gewalttätigkeit empfinden sie sich als hilflos und können weder vorhersehen, wann ein Gewaltausbruch erfolgt oder was er beinhaltet, noch können sie die Gewalt durch eigenes Verhalten verhindern oder reduzieren. Nach Walker versuchen die Betroffenen dann, die Verletzungen zu "vertuschen", um nicht zu erneute Übergriffe herauszufordern und sie nach außen unsichtbar zu machen.

Nach der Gewalttätigkeit legt der Täter/die Täterin häufig ein liebe- und reuevolles Verhalten an den Tag, bittet das Opfer um Verzeihung und verspricht, nie wieder Gewalt anzuwenden. Nach Walker führen diese Bemühungen dazu, dass kurzzeitige realistische Einschätzungen der Situation und Gefahr, Gefühle von Wut und Angst durch die Betroffenen in den Hintergrund gestellt werden.

Betroffene, die diesen Zyklus erstmalig durchlaufen, hoffen, dass die Gewalt aufhört. Betroffene, die diesen Zyklus mehrfach durchlaufen haben, wissen laut dieser Theorie, dass sie ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden für diesen idealisierten Zustand aufgeben, was zu ihrer Selbstabwertung und Beschämung beiträgt.

Von Bedeutung sind zudem gesellschaftliche Einflussfaktoren und Sozialisationsbedingungen: Mädchen und Frauen wird systematisch vermittelt, dass ihr persönlicher Wert nicht in erster Linie auf ihren eigenen Fähigkeiten, sondern auf ihrem Reiz gegenüber Männern und ihrer Beziehung zu Männern beruht. Mädchen und Frauen werden zur Passivität und Nachgiebigkeit und nicht zur Aktivität erzogen. Männern und Jungs wird vermittelt, sie sollen der aktive starke Beschützer und Versorger werden, was die Selbstabwertung und den Scham betroffener Männer erhöht. Außerdem seien sie Löser der Probleme und hätten selbst keine ("Indianer weinen nicht"). Deshalb wenden sich wesentlich weniger männliche Opfer als betroffene Frauen an Familie, Freunde, Beratungsstellen oder gar die Polizei.

Gewalt wird zudem gesellschaftlich immer noch bagatellisiert; das Thema Partnergewalt ist von vielen Vorurteilen geprägt (z.B. "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich").

Die sozialpsychologischen Theorien versuchen allgemeingültige Erklärungen für die Stabilisierung von Gewaltdynamiken zu finden. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass häusliche Gewalt komplexe und verschiedenartige Erlebens- und Verhaltensweisen beschreibt, die in ihrer Dynamik sehr unterschiedlich sein können. Die Motivationen der Betroffenen, z.B. keine Trennung herbeizuführen, können ebenfalls sehr unterschiedlich sein und beruhen keinesfalls allein auf psychischen Faktoren wie Hilflosigkeit, Ambivalenz oder Abhängigkeit.

Gefangen

Vielmehr gibt es eine Reihe möglicher äußerer Hindernisse sich zu trennen, die im Einzelfall Berücksichtigung finden müssen, wie etwa ökonomische Aspekte. Zudem kann die Entscheidung, sich nicht vom gewalttätigen Partner/Partnerin zu trennen, eine rationale und vernünftige Entscheidung sein, etwa dann, wenn durch die Trennung die Gefährdung der Betroffenen und ggf. ihrer Kinder massiv ansteigen würde, was häufig der Fall ist. Bei einem wirklich lückenlosen Schutz- und Interventionssystem würde es möglicherweise zu mehr Trennungen kommen.

Zusammenfassend können folgende Faktoren zur Stabilisierung der Gewaltbeziehung beitragen:

  • (lähmende) Angst vor der Reaktion des Gewalttäters auf jeden ihrer Versuche, sich einen Freiraum zu schaffen oder sich zu trennen (die Trennungszeit ist die gefährlichste Zeit, hier erfolgen die meisten Misshandlungen und Tötungen)
  • realistische Gefährdungsanalyse und defizitäre Schutzmöglichkeiten
  • emotionale Ambivalenz und Unsicherheit gegenüber dem Gewalttäter/der Gewalttäterin, dessen Verhalten oft zwischen scheinbar liebevollen und gewaltsamen Phasen wechselt (als Stockholm-Syndrom bezeichnete partielle Identifikation des Opfers mit dem Täter)
  • die Angst, die Kinder zu verlieren, Angst vor der "Schande", nicht für ein harmonisches Familienleben sorgen zu können
  • abwehrende Reaktionen der Umgebung, Ahnung oder Erfahrung, dass in dieser Gesellschaft häufig nicht der Täter, sondern das Opfer verantwortlich gemacht wird ("Die hat ihn provoziert", "Männer sind keine Opfer häuslicher Gewalt, sondern Täter")
  • ökonomische Faktoren, die eine wirtschaftliche Abhängigkeit vor allem von Frauen begründen (nach einer Scheidung haben Frauen statistisch gesehen 44 % weniger Pro-Kopf-Einkommen als Männer (7 %)
  • rechtliche Faktoren

 

überarbeitete Quelle: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/haeusliche-gewalt-phasen-und-dynamik-haeuslicher-gewalt.html

"Die ganze Vielfältigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit unseres Lebens
setzen sich aus LICHT und SCHATTEN zusammen."
(Tolstoi)